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"Eine
schreckliche Vereinfachung"
Frank Lindenscheid
sprach mit Prof. Hans Herbert von Arnim
Ist der Bundestag
zur "Filiale der Börse" verkommen, wie Günter Grass zürnt?
Das ist eine
schreckliche Vereinfachung. Es stimmt zwar, dass die Politik ohnmächtig
wirkt, da sie vielfach in Fesseln gelegt ist. Darin würde ich ihm
durchaus zustimmen. Aber das liegt keinesfalls nur an der Macht des
Kapitals. Grass erwähnt mit keinem Wort die Gewerkschaften, die ebenfalls
massiv Einfluss nehmen. Und es gibt eine Reihe von anderen Faktoren, die
dazu beitragen, die Politik zu lähmen oder in die falsche Richtung zu
drängen. Zum einen sind es Systemfehler - Stichwort Blockade durch den
Bundesrat und andere föderalistische Verflechtungen, beziehungsweise
Eigeninteressen der Parteien und der Bürokratie. Zum anderen ist es der
wachsende Druck der Medien, die die Politik vor sich her treiben.
Ist die Freiheit des
Mandats durch die Lobbyisten aufgehoben?
Es ist richtig, dass es
gegen den Einfluss von Unternehmen und Verbänden viel zu wenig wirksame
Vorkehrungen gibt. Es gibt durchaus Abgeordnete, die sich vom Geld von
Großunternehmen und Gewerkschaften abhängig machen und damit zwei Herren
dienen. Das läuft auf politische Korruption hinaus. Es ist aber zum
Glück bei weitem nicht die Mehrheit der Politiker, die ihre
Unabhängigkeit verkauft. Grass übt eine Pauschalkritik, die eine grobe
Übertreibung darstellt.
Hilft eine
"Bannmeile für Lobbyisten", wie Grass sie wünscht?
Der Einfluss von
Verbänden, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen ist nicht illegitim.
Man muss Auswüchse unterbinden und die liegen vor, wenn Politiker Geld
von Interessenten bekommen, die Einfluss nehmen wollen. Dagegen gibt es in
der Tat noch eine große Lücke in den Gesetzen. Die muss beseitigt
werden. Er verdammt aber den Lobbyismus insgesamt und das halte ich für
nicht gerechtfertigt. Denn er ist unverzichtbarer Teil unserer
pluralistischen Demokratie.
Erinnert seine
Kritik nicht fatal an antiparlamentarische Ausfälle aus längst vergangen
geglaubten Zeiten?
Natürlich muss man
zuspitzen, wenn man Probleme aufspießen will. Aber Übertreibungen, wie
Grass sie vornimmt, zielen am Kern vorbei. Etwas weniger wäre mehr. Da
schimmert eine Art Neomarxismus durch - nach der Devise: Das Kapital ist
an allem schuld. Globalisierung nd Europäisierung behandelt er so, als ob
die damit verbundenen Prozessen von der Politik aufzuheben wären. Damit
weckt er Illusionen. Wir können uns als größte Exportnation nicht gegen
diese Prozesse abschirmen. Selbst wenn es möglich wäre, würde alles nur
noch viel schlimmer.
Läuft die
Kapitalismus-Debatte mittlerweile aus dem Ruder oder ist sie eine wichtige
Initialzündung?
Das Ganze droht zu
einer Auseinandersetzung um Schlagworte zu werden. Das steht einer
sachlichen Auseinandersetzung mit unseren Problemen eher im Wege. Ich
fürchte, dass Münteferings Kapitalismus-Kritik ein gezieltes Manöver im
Hinblick auf die NRW-Wahl ist und damit genauso schnell wieder aus der
Öffentlichkeit verschwindet wie die Diskussion, die wir Anfang des Jahres
über Nebeneinkünfte von Politikern - bis hin zur politischen Korruption
- hatten. Man hat Änderungen an dieser offenen Flanke gelobt. Davon ist
jetzt keine Rede mehr.
(in: Kieler
Nachrichten vom 06.05.2005, S. 2.)
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Stand:
18.05.2005
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