Internationaler Erfahrungsaustausch zu E-Government - 
5 Jahre „Microsoft Government Leaders Conferences"

von

HEINRICH REINERMANN

Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer

(in: Microsoft E-Government Newsletter, CeBIT-Ausgabe vom 11. März 2003)


Es ist kurz vor halb neun. An den runden Tischen im Grand Ballroom der Westin Seattle sitzen in gespannter Erwartung dreihundertfünfzig Konferenzteilnehmer aus achtzig Ländern aller Erdteile. Darunter eine Delegation aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, hochrangig besetzt mit Persönlichkeiten aus Politik und Verwaltungsführung des Bundes, der Länder/Kantone und des Kommunalbereichs. Videoszenen aus Hightech und Kultur auf vier Megaprojektionswänden, untermalt von südamerikanischen Rhythmen, verbreiten eine prickelnde Spannung - mit einem solchen Szenario beginnt seit 1998 in jedem Frühjahr die Government Leaders Conference in der Industrie- und Geschäftsmetropole des US-amerikanischen Nordwestens, wo Microsoft und Boeing zu den Unternehmungen gehören, die maßgebliche Akzente in der technologischen Entwicklung für die elektronische und physische Überwindung von Raum und Zeit setzen.

Die Government Leaders Conferences widmen sich unter einem aktuellen Thema dem Feld und Umfeld des Electronic Governments. Das Programm drängt sich auf zwei Tage, vollgepackt mit Vorträgen und Präsentationen, die selbst Frühstück und Mittagessen begleiten - amerikanische Effizienz, die einem schon den Atem verschlagen kann. Diese Microsoft-Veranstaltung, die inzwischen als Mekka des Gedankenaustauschs über E-Government gilt - vermag sie die hoch gesteckten Erwartungen der Teilnehmer zu erfüllen?
Ja - wenn man sich hier, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Visionen für und von Politik und Verwaltung in der Informationsgesellschaft erhofft. Auf Amerika, das darf man freimütig zugeben, richten sich doch noch immer die Blicke, wenn es um Technologie und Innovation geht. Der „American dream" von einem Leben in Wohlstand und Glück für jedermann erhofft sich in unserer Zeit Unterstützung durch die Informationstechnik, weil sie es ist, die seit Mitte der 1990er maßgeblich die Produktivität und damit das Wachstum der US-Wirtschaft bestimmt und folglich Arbeitsplätze, Einkommen und Bedürfniserfüllung ermöglicht. In Amerika ist man unkomplizierter und wird auch weniger durch einengende Traditionen gehindert, „den großen Wurf" zu denken und zu wagen. Der sprichwörtliche „entrepreneurial mind-set" lässt die Entscheidungsträger immer neue Wege der Aufgabenerfüllung erkunden. Und Visionen (nicht zu verwechseln mit Utopien!) sind bei einem Thema wie E-Government unabdingbar - und zwar in jedem Land, geht es doch darum, ausgestattet mit dem inzwischen wahrlich ungeheuer großen Potenzial an Informationstechnologie, neue, ungewohnte Handlungsformen und Verwaltungsmodelle zu erdenken, wie sie nötig sind, um den globalen und nationalen Herausforderungen für Staat und Verwaltung angemessen zu begegnen sowie den Erwartungen und Wertvorstellungen der Menschen in der Informationsgesellschaft entsprechen zu können. „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte, ... dich stören nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnütz Erinnern und vergeblicher Streit" - dieser Seufzer Goethes in seinen „Zahmen Xenien" (als habe er schon an die Auseinandersetzungen um neue E-Government-Modelle gedacht ...) ist zwar heute nicht mehr frei von mentalen Vorbehalten zu zitieren, aber jedenfalls hat, wer von einer Government Leaders Conference zurückkehrt, schwungvolle innovative Anstöße erhalten, wie sie für das Anpacken von E-Government-Vorhaben zumindest hilfreich, ja eigentlich unabdingbar sind, und hat wahrscheinlich den Entschluss gefasst, dass Änderungshindernisse, wie sie sich stets vor Innovationen auftürmen, doch überwindbar sind.

Die Government Leaders Conference, das ist auch ein Dialog zwischen dem Technologiekonzern und einem wichtigen Teil seiner Klientel: Staat und Verwaltung. Softwarekonzepte und -produkte, sollen sie Erfolg versprechend sein, müssen den Anwenderbedürfnissen entsprechen. Sie auszuloten, dafür bietet sich auf dieser Plattform für Gedankenaustausch ebenso Gelegenheit wie die Vertreter des öffentlichen Sektors ihrerseits die Technologietrends kennen lernen und mit ihren Anforderungen auf sie Einfluss nehmen können.
Dass sich hoch gesteckte Erwartungen der Konferenzteilnehmer erfüllen, liegt weiter daran, dass sich ihnen hier ein Überblick darüber bietet, was sich global im Umfeld des E-Governments tut. Auf den Government Leaders Conferences trifft sich ohne Übertreibung die Welt. Erfolgreiche E-Government-Strategien für Länder, Regionen und Städte; ausgewählte Anwendungen in den einschlägigen Politikbereichen; praktikable Vorgehensmodelle und Projektorganisationsformen; Ziel-, Wert- und Ethikfragen, darunter Informationsfreiheit, Datenschutz und Urheberrecht oder digitale Spaltung der Gesellschaft; Bildung und Qualifizierung; Sicherheit der informationstechnischen Einrichtungen; Bürgerbeteiligung; E-Democracy - kaum ein Thema fehlt, das von der politischen und administrativen Führung heute zu bedenken ist, wenn es um E-Government geht. Vorgetragen wird dieses „globale Benchmarking" von einer attraktiven Mischung hochrangiger Redner, von Staats- und Parlamentspräsidenten über Regierungschefs, Minister oder Oberbürgermeister bis hin zu Top-Experten aus der Technologie und ihren Anwendungen.

Die pralle Fülle der Programme kann hier nur gestreift werden, etwa: die Ansätze Britanniens, Frankreichs und Schwedens zu einer E-Democracy, die Stärkung der Parlamentsarbeit durch eigene Informationsressourcen in Israel, der kurze erfolgreiche Weg Taiwans von einer Agrar- zur Hightech-Gesellschaft, das intensiv genutzte Beschwerdemanagement der brasilianischen Metropole São Paulo, die informationstechnikgestützte Reform der Hafen- und Zollverwaltung Dubais, sichere und rechtmäßige Online-Dienste als Vorhaben des deutschen Bundeslandes Bremen, die Koppelung von Steuerreform und Informationstechniknutzung durch Wirtschaft und Finanzverwaltung Australiens, die auf Informationstechnik abgestützten Vorkehrungen des EU-Beitrittslandes Bulgarien im Pass-, Steuer-, Zoll- und Sozialversicherungsbereich oder die vorbildhaften landesweiten E-Government-Strategien des kanadischen Bundesstaates Alberta und des US-Bundesstaates Pennsylvania.

Die Government Leaders Conference - nach alledem ein unübertroffener Event, der die Möglichkeit zur weltweiten Beobachtung eines multinationalen Unternehmens wie Microsoft entschlossen dazu nutzt, innovative und weiterführende Gedanken und Ansätze zum E-Government aus allen Teilen der Welt in Seattle wie in einem Prisma zu bündeln und sie vor einem Publikum maßgeblicher Entscheidungsträger in Politik und Verwaltungsführung aus allen Teilen der Welt zur Diskussion zu stellen. Ein Event übrigens, dessen Ergebnisse allen Interessierten zur Verfügung stehen. Informationen dazu finden Sie hier.