|



















|
|
Feuilleton
|
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2002, Nr. 40, S. 47
|
Ist Preußen denn für alle Zeit geächtet?Der Vorstoß, das Bundesland
Berlin-Brandenburg "Preußen" zu nennen, löst eine erbitterte Debatte
aus: Eine Umfrage unter Deutschen und Alliierten
Ein Gespräch mit dem Rechtswissenschaftler Detlef Merten
"Preußen" ist nicht für alle Ewigkeit geächtet"
Alwin Ziel, Sozialminister des Landes Brandenburg, hat vorgeschlagen,
Berlin und Brandenburg zusammenzulegen und dieses Bundesland "Preußen"
zu nennen. Wer hat eigentlich Preußen wann abgeschafft? Schon diese Frage ist schwierig zu beantworten. Der letzte Schritt war
das Gesetz Nr. 46 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland vom
Februar 1947. Der Staat Preußen wurde aufgelöst. In der Präambel hieß
es, daß Preußen seit je ein Träger von Militarismus und Reaktion gewesen
sei. Davor waren die Länder allerdings schon durch den deutschen
Einheitsstaat, der 1934 vom Dritten Reich begründet wurde, abgeschafft
worden, so daß das alliierte Kontrollratsgesetz nur etwas festschrieb,
was die Nationalsozialisten schon vollzogen hatten. Aber war nicht Göring Ministerpräsident von Preußen? Zunächst ja. Aber 1934 hörten die Länder auf, als eigene Staaten zu
bestehen. Die Altpreußen haben sogar gesagt, daß das Ende Preußens als
Staat schon mit der Reichsgründung von 1871 gekommen war. Aber in der
Weimarer Republik war Preußen noch ein großer Stabilisator im Innern,
die preußische Koalition hat sehr lange regiert, bis zu dem berühmten
"Preußenschlag" der Reichsregierung 1932. Was ist aus dem Alliierten Kontrollrat geworden? Das Gremium blieb nicht lange arbeitsfähig, weil die Sowjetunion die
Mitarbeit verweigerte. Die Auflösung Preußens war wohl eines der letzten
bedeutenden Gesetze, die er erließ. Und was waren die Gründe für die Abschaffung Preußens? Man wollte Preußen - Stichworte Militarismus und Reaktion - die
Alleinschuld am eben zu Ende gegangenen Krieg, womöglich auch am Ersten
Weltkrieg zuschreiben. Allerdings kamen die führenden
Nationalsozialisten ja gerade nicht aus Preußen: nur Goebbels war
Rheinländer, es gab viele Bayern. Dagegen stammten die Männer des 20.
Juli zum großen Teil aus preußischen Adelsgeschlechtern. Könnte Preußen wiedererrichtet werden? An sich gäbe es keine Bedenken. Wir haben zwar eine Bestimmung im
Grundgesetz, die besagt, daß die zur Befreiung des deutschen Volkes vom
Nationalsozialismus und Militarismus erlassenen Rechtsvorschriften von
den Bestimmungen des Grundgesetzes nicht berührt werden, aber die
herrschende Meinung nimmt an, daß dieser Artikel 139 gegenstandslos
geworden ist - im wesentlichen war damit gemeint, daß die
Entnazifizierungsgesetzgebung nicht angetastet werden sollte. Wenn die
Alliierten den Staat Preußen aufgelöst haben, dann ist damit nicht
gesagt, daß nicht eines der Länder der Bundesrepublik Deutschland diesen
Namen tragen kann. Der Name ist sicher nicht für alle Ewigkeit geächtet
und durch diesen Akt nicht aus der Geschichte getilgt. Wäre Preußen immer noch von der Zustimmung der Alliierten abhängig, oder
ist Deutschland bei der Verwendung des Namens "Preußen" souverän? Da ist Deutschland souverän, denn es handelt sich ja nur um die Länder,
die zur Bundesrepublik Deutschland gehören. Anders steht es mit der
politischen Würdigung. Preußen bedeutete geographisch ursprünglich etwas
ganz anderes, weshalb wir auch im achtzehnten Jahrhundert immer von
Brandenburg-Preußen sprechen. Noch in den Freiheitskriegen hat Friedrich
Wilhelm III. die einzelnen Stämme, etwa die Pommern und die
Brandenburger, zum Kampf gegen Napoleon aufgerufen, auch die Preußen.
Insofern könnte sich, wenn man diesen Namen jetzt einführte, im Ausland
ein falscher Gedanke aufdrängen, als ob die Bundesrepublik hier noch
Ansprüche geltend machte. Aber das ist ja durch den Zwei-plus-vier-
Vertrag ausgeschlossen. Preußen beruhte historisch mehr auf einer Idee
als auf einem geschlossenen Territorium, es war ein Flickenteppich, der
von Westdeutschland bis nach Ostpreußen reichte. Wie würden sie die Signalwirkung des Namens beschreiben? In Bayern ist er ein Synonym für alles, was einem nicht gefällt. Preußen
war Ende des achtzehnten, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ein sehr
fortschrittlicher Staat: Denken Sie an die Abschaffung der Folter unter
Friedrich dem Großen 1740, an die Befreiung von der Gutsuntertänigkeit,
an die Gewerbefreiheit 1810 - sozusagen in einer Revolution von oben.
Wenn man diesen sittlichen Gehalt meinte, dann hätte ich keine Bedenken.
Allerdings halte ich die konkreten Chancen nicht gerade für
aussichtsreich. Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist der Name
sinnvoll, da handelt es sich um das geistig-kulturelle Erbe Preußens.
Aber wegen des geographischen Anspruchs, den man im Ausland,
beispielsweise in Polen, in die Namensgebung hineininterpretieren
könnte, wären mit dem Namen "Preußen" auch negative Aspekte verbunden. Detlef Merten ist Professor für öffentliches Recht an der Deutschen
Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer. Das Gespräch führte Christoph Albrecht.
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
 |
Stand:
11.04.2006
|
|
|