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Statement
in 15 Thesen bei der Vorstellung des Buches „Das Europa-Komplott“ am
9. März 2006 in Berlin
These
1
Wir
sind alle Europäer. Europa ist und bleibt unser Schicksal. Ein Zurück zu
den Nationalismen wäre eine Katastrophe. Das heißt aber nicht, unbesehen
dem europäischen Überschwang zu verfallen, zu dem vor allem wir
Deutschen lange neigten. Es gilt jetzt, die Europäische Union
vorbehaltlos zu analysieren. Dabei geht es zunächst einmal schlicht um
Aufklärung, wie der europapolitische Prozeß funktioniert. Alles ist
total undurchsichtig. Wer weiß schon, dass der Rat der Europäischen
Union das Hauptorgan ist, dieses aber selbst oft gar nicht in der Sache
entscheidet, sondern der „Ausschuß der ständigen Vertreter der
Mitgliedstaaten“? Wer kennt schon die Rolle der Kommission und weiß,
dass sie nur in zwei Prozent der Fälle wirklich in mündlicher
Verhandlung beschließt, im übrigen aber die Entscheidungen an andere
delegiert? Wer weiß schon, dass es der – dafür eigentlich gar nicht
legitimierte - Europäische Gerichtshof war, der dem europäischen Recht
die supranationale Kraft verliehen hat? Zusätzlich zur Analyse müssen
wir uns über die Probleme klar werden, Auswüchse schonungslos
kritisieren und über die weitere Entwicklung Europas Gedanken machen. Das
ist das Anliegen meines Buches.
These
2
Eine
rationale öffentliche Diskussion der Chancen und Risiken des Europäischen
Zusammenwachsens wurde in Deutschland bisher als „politisch unkorrekt“
systematisch unterdrückt. Die Politik, die Wirtschaft, die
Europawissenschaft und die Journalisten in Brüssel, also diejenigen, die
die veröffentlichte Meinung über Europa weitgehend prägen und
gleichzeitig ein vitales Eigeninteresse am ungebremsten Fortschreiten der
Integration haben, bemühen sich in seltener Eintracht um ein geschöntes
Bild von Europa. Das Abblocken von Kritik, also eine Art
„Europa-Komplott“, zeigte sich auch vor der Volksabstimmung über die
Verfassung in Frankreich: Die Regierung, das Gros der Parteien, die
Wirtschaft, die landesweiten Medien, unterstützt von hochrangigen
Politikern anderer Mitgliedstaaten, warben gemeinsam für ein „Oui“
– trotz allem am Ende vergeblich. Mein Anliegen ist es, die Perspektive
gerade zu rücken. Wenn eine Gerte verbogen ist, muß man sie in die
andere Richtung biegen, um sie gerade zu machen.
These
3
Die
Demokratiedefizite der EU sind gewaltig. Die EU leidet unter politischer
Handlungsunfähigkeit, Abgehobenheit der Politik und Einflusslosigkeit der
Bürger.
Würden
solche Defizite bei einem Staat auftreten, hätte dieser nicht die
geringste Chance, Mitglied der EU zu werden. Es fehlt am demokratischen
Minimum, das Karl Popper dahin definiert hat, dass die Bürger schlechte
Regierungen ohne Blutvergießen wieder loswerden können. Genau das geht
– mangels Zurechenbarkeit der politischen Verantwortung – in Europa
nicht. Für Politiker ist die Mangel der Verantwortlichkeit zwar sehr
angenehm. Es herrscht „credit claiming“ und „scapegoating“, d. h.
Erfolge können sich alle an den Hut stecken, bei Misserfolgen sind
dagegen stets andere der Sündenbock. Für die Bürger aber, in deren
Namen die europäische Integration geschieht, ist der Zustand unerträglich
und bedarf dringender Reformen, etwa beim Wahlrecht zum Europäischen
Parlament und durch Einführung der Direktwahl des Kommissionspräsidenten.
These
4
Die
Politik muß endlich klar sagen, wohin die europäische Reise geht. Um die
„Finalität“ der EU darf nicht länger ein großes Geheimnis gemacht
werden. Nach dem „großen Bang“ der Aufnahme von gleich zehn neuen
Mitgliedern zum 1. Mai 2004, die noch lange nicht voll „verdaut“ ist,
sollen nächstes Jahr noch Bulgarien und Rumänien dazukommen, und später
auch Kroatien und die Türkei. Zahlreiche weitere Staaten sind bereits im
Gespräch. Und das alles häufig ohne jede Befragung und Zustimmung der Bürger.
Deshalb war es gut, dass nach dem Nein der Franzosen und dem Nee der
Niederländer endlich eine Phase des Überdenkens einsetzte. Die „neue
Nachdenklichkeit“ sollte man für entsprechende Klarstellungen nutzen.
These
5
Auch
Europa braucht eine „Föderalismusreform“, und zwar eine große. Denn
die „organisierte Unverantwortlichkeit“, zu der der deutsche Föderalismus
führt, ist in der Europäischen Union noch viele ausgeprägter. Keiner
weiß, wer für was verantwortlich ist. Das sogenannte Subsidiaritätsprinzip,
nachdem die EU nur tätig werden darf, wenn die nationaler Ebene mit dem
Problem nicht fertig wird, steht nur auf dem Papier. Seine Auslegung liegt
in der Hand des Europäischen Gerichtshofs. Der aber tendiert „im
Zweifel für Europa“. Zwar gibt es neuerdings eine Initiative, europäische
Gesetze auf ihre Überflüssigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls
abzuschaffen. Die ist aber letztlich wenig erfolgversprechend, weil der
Trend nun mal in die gegenteilige Richtung geht. Auch andere Organe wie
das Europäische Parlament und die Kommission sind ihrer Struktur nach
darauf aus, ihre Kompetenzen und damit den europäischen Zugriff immer
weiter auszudehnen. Um dem Subsidiaritätsprinzip Wirksamkeit zu geben,
brauchen wir einen europäischen Subsidiaritäts-Gerichtshof.
These
6
Gerade
wir Deutschen haben besondere Veranlassung, nach Schwachstellen der Europäischen
Union zu fragen und auf ihre Eindämmung zu dringen. Denn wir haben
besondere Opfer auf dem Altar der europäischen Integration gebracht. Wir
sind Nettozahler und haben auf die besonders starke Deutsche Mark
verzichtet. Vor allem aber – und das ist noch viel gravierender – ist
der deutsche Bürger in den europäischen Organen hoffnungslos unterrepräsentiert,
nicht nur im Europäischen Parlament, wo die Bürger kleiner Staaten ein
Vielfaches des Stimmgewichts von großen Staaten haben, sondern auch in
der Kommission, im Europäischen Gerichtshof, im Rechnungshof und in der
Europäischen Zentralbank. Jeder der 25 Mitgliedstaaten, selbst Malta mit
400.000 Einwohnern, entsendet einen Vertreter in die Kommission, den
Gerichtshof und den Rechnungshof. Das führt zu einer gewaltigen Unterrepräsentation
besonders Deutschlands als des größten Mitgliedstaats.
These
7
In
der aufgeblähten Kommission kommt es zu immer größeren
„Reibungsverlusten und Koordinationsmängeln“, wie selbst der Vizepräsident
der Kommission, Günter Verheugen, in seinem neuen Buch „Europa in der
Krise“ einräumt. Die Kommission sucht ihre Aufblähung mit trickreichen
Umfragen zu rechtfertigen: Auf die Frage, ob man dafür oder dagegen sei,
dass die Kommission sich aus Mitgliedern aus jedem Mitgliedsland
zusammensetzt, waren vier Fünftel erwartungsgemäß „dafür“. Doch
die Frage war ein Musterbeispiel für eine methodisch unzulässige
Suggestivfrage. Dass jedes Land in der Kommission vertreten ist, klingt
auf den ersten Blick gerecht und förderungswürdig. Die Gegenargumente,
dass die Kommission dadurch ungebührlich aufgebläht wird und darunter
ihre Arbeitsfähigkeit leidet, sowie die Überrepräsentation kleiner und
die Unterrepräsentation großer Mitgliedstaaten wurden ausgeblendet. -
Auch beim Parlament droht weitere Aufblähung. Die mit 732 Mitgliedern
ohnehin schon viel zu große Volksvertretung wird mit dem Beitritt
Bulgariens und Rumänien sogar auf 782 Mitglieder anwachsen. Der einzelne
Abgeordnete ist dann in den öffentlichen Debatten auf Statements von 30
Sekunden Dauer begrenzt, wie sie bisher nur beim Fernsehen üblich sind.
Es gibt bisher kein Beispiel, dass ein derart großes Parlament wirklich
arbeitsfähig ist.
These
8
Nicht
genug damit, dass der Bürger in Europa praktisch nichts zu sagen hat. Mit
methodisch zweifelhaften Umfragen zeichnet die Kommission auch noch ein
geschöntes Bild von den Einstellungen der Menschen zu Europa. Laut
Eurostat, dem statistischen Arm der Kommission, sieht etwa der Hälfte der
Befragten „eher Vorteile“ in der Mitgliedschaft Deutschlands in der
Europäischen Union. Methodisch korrekte Kontrollumfragen ergeben dagegen,
dass nur etwa noch ein Viertel der Deutschen eher Vorteile darin sieht.
These
9
Der
100 Milliarden-Haushalt der EU muß umstrukturiert werden in Richtung
Wissenschaft und Forschung. Er besteht derzeit zu gut vier Fünfteln aus
Subventionen für die Struktur- und Regionalpolitik und vor allem für die
Landwirtschaft, wobei besonders die ohnehin schon begüterten Inhaber von
Großbetrieben davon profitieren. Ein erster Schritt, Klarheit zu gewinnen
(und den Irrsinn deutlich zu machen), ist die jüngste
Transparenzoffensive der EU, nach der die einzelnen Empfänger von
Agrarsubventionen namentlich genannt werden sollen. Das geschieht bereits
in einigen Mitgliedstaaten, z. B. in Großbritannien – im Internet kann
man es nachlesen -, nicht aber bisher in Deutschland. Warum eigentlich
nicht? Der zuständige Vizepräsident der Kommission, Siim Kallas, hofft
bei der Durchsetzung der Transparenz, etwa gegen Widerstände in
Deutschland, auf die Unterstützung der Öffentlichkeit. Er sollte diese
Unterstützung bekommen!
These
10
Der
in Brüssel besonders virulente Lobbyismus, der sich in den
Subventionshaushalten widerspiegelt, soll ebenfalls transparenter gemacht
werden. Kommissar Kallas hat sich auch dies auf die Fahne geschrieben.
Dabei stößt er auf den Widerstand einzelner europäischer Abgeordneter,
die riesige Honorare von Unternehmen und Verbänden einstreichen, die sich
auf diese Weise Einfluß auf die EU-Entscheidungen kaufen wollen. Der
Europaabgeordnete Elmar Brok, der von Bertelsmann für Lobbydienste
bezahlt wird, ist dafür ein Beispiel.
These
11
Die
mangelnde Kontrolle in der EU zeigt sich am Beispiel der Selbstbedienung
des Europäischen Parlaments. Am Rat, an der Kommission und an der Öffentlichkeit
vorbei – hat das Parlament sich groteske Spesenregelungen verschafft, ja
sogar üppige Doppelversorgungen. (Daran wird auch das im Jahre 2005 in
abgespeckter Form beschlossene Abgeordnetenstatut, welches 2009 in Kraft
tritt, nur in Teilen etwas ändern.)
These
12
Die
mangelnde Kontrolle äußert sich auch in anderen fragwürdigen
Sonderrechten. Die Bezahlung und Versorgung von Europa-Beamten macht diese
zu einer privilegierten Kaste. Der finanzielle Status von Kommissaren,
Richtern und Finanzkontrolleuren sprengt alle Dimensionen, von den
Mitgliedern der Europäischen Zentralbank mit ihrer Geldpolitik in eigener
Sache ganz zu schweigen. Alle genießen gemeinsam das großzügige
EU-Steuerrecht, von dem die EU-Bürger nur träumen können. Das
Grundprinzip der Demokratie, dass die Gewählten denselben Regeln
unterworfen sein sollen wie ihre Wähler, ist nur noch Makulatur.
Kontrolleure, wie Richter und Rechnungshofmitglieder, sitzen mit
Abgeordneten und Beamten in einem Boot. Dadurch wird ihr Blick korrumpiert
und ihre Kontrollfähigkeit in Frage gestellt.
These
13
Und
die Illusion, Europa sei wenigstens bei den nationalen
Parlamenten in guten Händen, ist uns vergangen, spätestens seitdem das
Fernsehmagazin „Panorama“ am Tage der Abstimmung über die europäische
Verfassung im Bundestag einige Abgeordneten über deren Inhalt befragte.
Alle stotterten verlegen vor der Kamera herum. Keiner wusste Bescheid.
These
14
Das
Europäische Parlament verdirbt die Sitten in der EU: Der früheren
Kommissarin Edith Cresson sollen jetzt ihre Versorgungsansprüche gekürzt
werden, weil sie Vetternwirtschaft betrieben hat. Abgeordnete des Europäischen
Parlaments treiben dagegen seit Jahren ganz ungeniert Vetternwirtschaft,
indem sie auf Kosten der Steuerzahler zum Beispiel Ehegatten als
Mitarbeiter einstellen. Europa verdirbt aber auch die Sitten in den
Mitgliedstaaten: Das Europäische Parlament hat im Jahr 2003 eine öffentliche
Parteienfinanzierung von europäischen Parteien durchgesetzt, die sämtlichen
Grundsätzen spottet, die der Europarat für die Staatsfinanzierung von
Parteien aufgestellt und die das Bundesverfassungsgericht in Deutschland
durchgesetzt hat.
These
15
Die
Bezeichnung „Europa-Komplott“ war ursprünglich gemünzt auf das
Komplott, dass Abgeordnete wie Martin Schulz, Karl-Heiner Lehne und Willy
Rothley – unter Instrumentalisierung der Parlamentsverwaltung -
schmiedeten, um die Öffentlichkeit mit falschen Zahlen zu betrügen und
das Abgeordnetenstatut (in der ursprünglichen Fassung) in den Jahren 2003
und 2004 durchzubringen. Gleichzeitig starteten sie eine Öffentlichkeitskampagne,
um mir die Verwendung falscher Zahlen vorzuwerfen. Das Landgericht Hamburg
hat dem ein Ende gesetzt und den Abgeordneten ihre Behauptung rechtskräftig
untersagt. Dieses Urteil ist für die Medien von besonderem Interesse,
weil die Abgeordneten sich auf ihre „Indemnität“ beriefen, d. h. ihre
parlamentarische Unverantwortlichkeit für ihre Äußerungen – am Ende
zum Glück vergeblich. Es gibt eben noch Richter in Hamburg. - Die
Bezeichnung „Komplott“ lässt sich auch auf viele andere Bereiche der
EU übertragen.
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Stand:
10.03.2006
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