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Vorabdruck
Tatort Europa. Die
EU ist undemokratisch: Der Bürger wird ignoriert, die Bürokratie
zementiert. Eine grundlegende Reform tut not
von Hans Herbert von
Arnim
Repräsentative Demokratie definieren wir (mit Abraham Lincolns
klassischer Definition) als Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk. „Für“ das Volk heißt: Politik in seinem
Interesse, also orientiert am gemeinen Wohl; „durch“ das Volk bedeutet: echte
Partizipation, also Einfluß der Bürger auf die Politik; Regierung
„des“ Volkes setzt voraus, daß überhaupt ein Volk oder eine ähnliche durch ein solidarisches
WirGefühl zusammengehaltene Gemeinschaft vorhanden ist. Diesen Grundsätzen ist
alle öffentliche Gewalt
in den einzelnen europäischen Staaten verpflichtet. Und auch Europa als Ganzes wird nicht müde,
die Prinzipien Demokratie und Gemeinwohl für sich selbst zu beanspruchen.
Tatsächlich haben die Verhältnisse dort – an diesen Maßstäben
gemessen – einen absoluten Tiefststand erreicht. Von einem europäischen Volk kann ohnehin
nicht die Rede sein. Gewiß, die Lage mag auch auf nationaler Ebene oft nicht gerade begeistern. Auf europäischer Ebene aber
ist sie noch sehr viel negativer zu beurteilen. Doch eine unvoreingenommene Evaluation ist lange unterblieben. Europapolitik droht zum Selbstzweck zu werden.
In Europa geben drei große Gruppen von Funktionären den
Ton an; sie teilen die politische Macht und die Herrschaft unter sich auf:
die politische Elite und die politische Klasse; die Bürokraten; die Manager von Großunternehmen und die Lobbyisten von Interessenverbänden.
Die Macht der politischen Elite: Europa ist von Regierungen
für Regierungen geschaffen. Die nationalen Regierungen waren es, die die europäischen
Verträge ausgehandelt und über Erweiterungen entschieden haben. Ihre
Ratifizierung durch die Parlamente der Mitgliedstaaten war häufig reine
Formsache.
(Anders war es, wo das Volk unmittelbar zu entscheiden hatte, wie
beispielsweise in Dänemark, Frankreich, Irland und den Niederlanden.)
Die Regierungslastigkeit setzt sich in der täglichen Politik fort: Der Rat als
zentrales
Organ der politischen Willensbildung besteht aus den Regierungen der Mitgliedstaaten. Er ist – aller
Gewaltenteilung zum Trotz – ein staatstheoretisches Monstrum:
wichtigster Gesetzgeber und Regierung in einem. Das Parlament kann zwar bei verschiedenen Themen mitentscheiden, ist aber gerade in besonders wichtigen Bereichen wie der Agrarordnung davon ausgeschlossen.
Die Kommission besitzt das Initiativmonopol für die wichtigsten
Bereiche der Europapolitik. Fünfundzwanzig „Kommissare“ (darunter ein deutscher) bereiten die „Verordnungen“, „Richtlinien“
und „Rahmenbeschlüsse“ vor, die dann vom Rat verabschiedet werden. Das Volk wird dabei nicht
gefragt, es hat keinen Einfluß auf die
Zusammensetzung der Kommission, es hat keine Kontrollmöglichkeit. Diesem Verfahren verdanken inzwischen fast 80 Prozent aller in Deutschland geltenden Regelungen im Bereich der Wirtschaft und 50 Prozent der übrigen Gesetze ihre Existenz. Dabei handelt es sich um wichtige Regelungen, welche die Verbraucher, das Arbeitsleben, die
Wirtschaft, in
zwischen auch die Bildung und Kultur, ja die Menschen auf fast allen
Gebieten unmittelbar betreffen, ohne daß sie die Chance haben, ein Wörtchen mitzureden.
Die Europäische Zentralbank trifft die wichtigen
geldpolitischen Entscheidungen. Die Kommission und die Zentralbank sind
– wie der Europäische Gerichtshof – unabhängig und weisungsfrei gegen
über allen Organen der Gemeinschaft, erst recht gegenüber dem Bürger selbst. In der
starken Position der Kommissare, der Europäischen Zentralbank und der ihnen unterstellten europäischen Verwaltungen zeigt sich das enorme Gewicht der Europabürokratie. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass
auch der „integrationsfreudige“ Gerichtshof dazu neigt, ihre Position zu stützen.
Der Einfluß von Verbänden und Großwirtschaft ist in
Europa noch sehr viel größer als in den einzelnen Mitgliedstaaten. Er findet seinen Ausdruck in der
gewaltigen Massierung von Lobbyeinrichtungen besonders in Brüssel, in den umfangreichen Regulierungen zugunsten der Wirtschaft und nicht zuletzt
darin, daß der Europahaushalt im wesentlichen ein Subventionshaushalt ist. Der Agrarhaushalt verschlingt rund 40 Prozent der europäischen Gesamtausgaben. Dabei handelt es sich um den größten Wahnsinn seit
dem Turmbau zu Babel (wie der britische „Economist“ die europäische
Agrarordnung einmal genannt hat). Auch aus dem sogenannten Strukturfonds,
dem sogenannten Kohäsionsfonds und aus anderen europäischen Töpfen
werden hohe Subventionen gezahlt, deren Berechtigung Zweifel weckt und die ihre Existenz fast ausschließlich ihren
einflußreichen politischen Wortführern (Lobbyverbände und nationale
Regierungen) verdanken. Allgemeininteressen werden dabei häufig von
Partikularinteressen untergepflügt. Mit Gemeinwohl hat das dann nicht
mehr viel zu tun. Wem die Europäisierung vornehmlich zugute kommt, ersieht man aus den treibenden
Kräften: Die
andauernde Vertiefung und Erweiterung Europas wird nicht nur von Teilen
der Politik und den europäischen Behörden vorangetrieben, sondern vor allem von Wirtschaft und Großbanken; sie
nehmen die Globalisierung auch zum Anlaß für Megafusionen, die hauptsächlich der
Macht- (und Einkommens-)steigerung ihrer
Manager dienen, wie man zum Beispiel an den Fusionen DaimlerChrysler und Deutsche Bank/Bankers Trust sieht. Je größer das Unternehmen, desto gewichtiger auch seine Verhandlungsmacht gegenüber den Regierungen; desto leichter kann es sich durch Verlagerungen des Firmensitzes oder von Unternehmensteilen auch der Politik nationaler Regierungen
entziehen. Als im
Jahre 1992 60 renommierte Ökonomen in einem „Manifest“ davor warnten,
das Pferd am Schwanz aufzuzäumen und die Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik einzuführen, organisierten die Großbanken ein
Gegenmanifest von
Wissenschaftlern und Bankfachleuten, das die Wirkung der Kritiker
zumindest optisch neutralisieren sollte.
Die Funktionäre des Machtdreiecks aus Politik, Bürokratie und Wirtschaft
sind eine Interessensymbiose auf Gegenseitigkeit eingegangen und verketten sich immer mehr zu einem eingebunkerten Machtkartell. Kehrseite
ihrer demokratiefeindlichen Dominanz ist die völlige Machtlosigkeit der
Bürger. Diese Entmachtung zeigt sich bereits auf der Ebene von
Verfassungsgebung und Verfassungsänderungen:
Die Bürger – zumindest in Deutschland – sind vor den
großen Weichenstellungen, die die Verfassungsstruktur von Grund auf gewandelt haben, überhaupt nicht gefragt worden, weder bei Einführung der Europäischen Gemeinschaften noch bei der Europäischen Union und der Währungsunion, noch bei den sonstigen Verfassungsänderungen von
Amsterdam und Nizza. Auch die anstehende Osterweiterung Europas wurde über
die Köpfe der Bürger hinweg entschieden. Dasselbe Verfahren verfolgte man bei der Einsetzung eines Konvents durch die
Regierungskonferenz von Laeken. Aus Arroganz ignoriert man die Bürger, statt sie unvoreingenommen
aufzuklären und auf ihrer Zustimmung eine stabilere (und weniger unbedachte) Gemeinschaft zu bauen – bis man schließlich 2005 die
Quittung erhielt: durch das Nein Frankreichs und der Niederlande zum
europäischen Verfassungsvertrag.
Die Entmachtung setzt sich innerhalb der Verfassung fort:
– in der mangelnden politischen Verantwortlichkeit des
Rates, der sich in seiner Brüsseler Funktion keinen Wahlen stellen muß;
– in der völligen Unabhängigkeit der Kommission, der
Europäischen Zentralbank und des Europäischen Gerichtshofs vom Bürgerwillen
– sowohl hinsichtlich des Inhalts ihrer Entscheidungen als auch hinsichtlich der Bestellung ihrer Mitglieder, die in einem nicht gerade qualitätsförderlichen
Kungelverfahren ins Amt kommen, das häufig als Endlager für gescheiterte Politgrößen dient (Beispiele: Martin Bangemann, Edith Cresson, Manuel
Marín)
– in der demokratiewidrigen Organisation des Europäischen
Parlaments, das mit wirklichen Parlamenten nur den Namen gemeinsam hat, fern der Heimat agiert und in der politischen Berichterstattung meist nur am Rande vorkommt (im öffentlichen Bewußtsein von der nationalen Politik überlagert)
– im Fehlen europäischer Zeitungen und Rundfunkanstalten, wirklicher
europäischer politischer Parteien, kurz: im Fehlen einer europäischen
Öffentlichkeit
– in der starren Listenwahl zumindest der deutschen Europaabgeordneten, die dem Wähler jeden Einfluß auf die personelle Zusammensetzung des Europäischen Parlaments nimmt, den Parteien jedoch erlaubt, abgehalfterte Politiker, die man zu Hause nicht mehr
gebrauchen kann, in Europa zu "entsorgen" (Beipiele: Werner Langen, Jo
Leinen, Hartmut Nassauer, Cem Özdemir, Angelika Beer, Alfred
Gomolka, Sahra Wagenknecht)
– in dem Konstrukt von „europäischen politischen Parteien“, die in Wahrheit
gar keine Parteien
sind, sondern abgehobene Kunstprodukte: Sie zählen weder Bürger zu ihren Mitgliedern noch stellen
sie Kandidaten für Parlamente auf, die sie bei Wahlen der Öffentlichkeit präsentieren. Sie
werden aus einem einzigen Grund zu „Parteien“ erklärt: damit sie mit Steuergeldern gefördert werden
– im krassen Öffentlichkeitsdefizit: Die – nicht öffentlichen – Verhandlungen
des Rats finden sozusagen im luftleeren Raum statt. Zudem sind die
meisten Entscheidungen des Rats und der Kommission in unübersichtliche Vorgremien ausgelagert, was die Abschottung und die Undurchsichtigkeit der Entscheidungsfindung der europäischen Organe auf die Spitze treibt. Europa findet hinter verschlossenen Türen statt. Das einzige Organ, das öffentlich verhandelt, ist das Europäische Scheinparlament; seine Befugnisse sind aber ohnehin beschränkt.
So stehen wir vor einem eigentlich nicht mehr für möglich gehaltenen Rückfall in vordemokratische Zeiten: Die Menschen sind heute in Europa
vom Ideal der Demokratie und des Gemeinwohls genauso weit entfernt wie
einst im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Nicht einmal das (von Karl Popper formulierte) demokratische Minimum ist gesichert: Die Bürger können ihre europäische „Regierung“ nicht abwählen, mag diese auch noch so sehr versagt haben. Ja, sie können gar
nicht erkennen, wer für welche Entscheidung eigentlich die Verantwortung trägt.
Der Ausschluß der Bürger von der Mitwirkung an der Europapolitik, ihre Degradierung zum reinen Objekt der Entscheidung an
derer, wird damit gerechtfertigt, nur so lasse sich die nötige Handlungsfähigkeit erreichen. In Wahrheit ist die politische Handlungsfähigkeit nirgendwo so gering wie auf
europäischer Ebene: Die Entscheidungen des Rats setzen – rechtlich oder
faktisch – häufig Einstimmigkeit voraus, was ihr
Zustandekommen erschwert oder hohe Kosten verursacht (Herauskaufen der Zustimmung einzelner Länder durch ihre gezielte
Subventionierung oder andere Begünstigung). Die Leidtragenden sind meist die kleinen Steuerzahler und die Konsumenten, die
mittelständischen Unternehmer und die Kleinaktionäre. Aber auch die
rationale Stimmigkeit des ganzen Konzepts steht in Frage. Und wenn
gehandelt
wird, erscheinen die Aktionen oft eher von nationalen Eigeninteressen getragen als, wie behauptet, vom Wohl Europas. Die
Bürokratie produziert oft ganz unsinnige Regelungen. Die mangelnde Handlungsfähigkeit wird in der Außenpolitik besonders sichtbar.
Die Gründe für diese Fehlentwicklungen liegen letztlich in der mangelnden
Angepaßtheit der EU an die
gewandelten Herausforderungen. Die enorme Zunahme der Aufgaben und Kompetenzen der
EU und die Erweiterung von sechs auf 25 und mehr Mitgliedstaaten, kurz die Vertiefung und Erweiterung, hätten eigentlich eine grundlegend andere Struktur und Organisation der EU
und ganz neue Verfahren nötig
gemacht. Doch dazu fehlte die politische Kraft. Stattdessen wurde das Bestehende immer nur
fortgeschrieben. Es wurde nur angebaut und der Bau damit völlig verbaut,
statt ihn – entsprechend den gewandelten Verhältnissen – ganz neu zu
konstruieren. Vor der Osterweiterung hatte man das auch erkannt und die Konferenz von
Nizza für entsprechende Reformen einberufen. Als Nizza scheiterte,
versuchte
man es ersatzweise mit der Verfassung. Aber auch die scheiterte, weil einen jetzt die
Bürgerferne
einholte. Das, was die EU von den Mitgliedstaaten verlangt, Herstellung effizienter, demokratischer Strukturen,
um den
Herausforderungen der Globalisierung gerecht zu werden, leidet in
der
EU selbst am
meisten Not.
Der Autor ist ehem. Universitätsprofessor für
Öffentliches Recht und Verfassungslehre an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer.
Bei dem Text handelt es sich um einen Vorabdruck aus dem
am 4. März erscheinenden Buch: Hans Herbert von Arnim: Das
Europa-Komplott. Wie EU-Funktionäre unsere Demokratie verscherbeln. 448 S., 24,90 Euro. Carl
Hanser Verlag, München
in: Die Welt vom
25.02.2006, S. 9.
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Stand:
01.07.2008
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