|
Interview
"Mit gezinkten Karten" Steuerexperte
von Arnim wirft deutschen EU-Abgeordneten vor, die geplante
Diätenerhöhung sei unverhältnismäßig Focus: Herr von
Arnim, was sagen Ihnen die Namen Hedwig Keppelhoff-Wiechert oder Rolf
Linkohr? von Arnim: Wie bitte? Nie gehört. Focus:
Es sind zwei jener deutschen EU-Abgeordneten, mit denen Sie via
"Bild" hart ins Gericht gehen. Was haben die Parlamentarier
schlimmes getan? von
Arnim: Die EU-Abgeordneten streben eine Neuregelung ihrer Bezüge an,
die für die Wähler nicht nachvollziehbar ist und dem wichtigen
Europa-Gedanken schwer schadet. Focus:
Wie kommen Sie darauf? von
Arnim: Die EU-Abgeordneten sollen demnächst einheitlich bezahlt werden.
Für deutsche Parlamentarier bedeutet dies einen Gehaltssprung von 7009
auf 8671 Euro. Hinzu kommen große Steuervorteile. Denn die Diäten sollen
künftig dem günstigeren EU-Steuerrecht unterliegen. Focus:
Die Abgeordneten sind empört und behaupten, Sie sagten die Unwahrheit.
Für einen verheirateten deutschen EU-Politiker mit zwei Kindern änderten
sich die Einkünfte gar nicht. von
Arnim: Wer das erzählt, spielt mit gezinkten Karten. Ein lediger
Abgeordneter hätte mit der Neuregelung Monat für Monat 1491 Euro netto
mehr in der Tasche, ein verheirateter Alleinverdiener immerhin noch 574
Euro plus. Dabei habe ich zu Gunsten der Abgeordneten noch nicht einmal
berücksichtigt, dass die EU-Rentenversorgungszuschüsse nach deutschem
Recht als geldwerter Vorteil versteuert werden müssen, nach der geplanten
EU-Regelung aber nicht. Das heißt: Der Nettovorteil ist noch viel
größer. Focus: Ein
deutscher EU-Abgeordneter aber hat Focus vorgerechnet, er habe voriges
Jahr 12000 Euro Steuern bezahlt. Weil die deutschen
Abschreibungsmöglichkeiten auf EU-Ebene nicht gälten, würde er
demnächst sogar mehr Steuern zahlen. von
Arnim: Das sind individuelle Sonderfälle, die sich nicht für einen
Typenvergleich eignen. Focus:
Wahr ist aber doch, dass die EU-Politiker demnächst einen Teil ihrer
Pension selbst tragen müssen. von
Arnim: Das halte ich in der Tat für einen Fortschritt. Aber der
Eigenbetrag rechtfertigt noch lange nicht ein so unglaubliches
Steuerprivileg. In Deutschland müssen ledige Abgeordnete im Schnitt 41
Prozent Steuern bezahlen, Verheiratete 28 Prozent, nach EU-Recht aber
einheitlich nur 21 Prozent. Auch Übergangsgeld und Altersversorgung
sollen entsprechend niedrig besteuert werden. Focus:
Sie behaupten, die Abgeordneten und ihre Ehepartner müssten ihre
Nebeneinkünfte in Zukunft niedriger versteuern. Das sei falsch, halten
die EU-Politiker dagegen. von
Arnim: Nebeneinkünfte oder das Einkommen des Ehepartners werden nach
Inkrafttreten der Regelung so besteuert, als gäbe es die EU-Diät gar
nicht. Das bedeutet einen riesigen weiteren Vorteil, den auch die
EU-Beamten schon genießen. Ob der deutsche Gesetzgeber das wirklich
ändern würde, bezweifle ich. (aus:
Focus vom 20.10.2003, S. 243)
 |
Stand:
27.10.2003
|
|